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Florian Schroeders Reise nach Brüssel mit Kabarett und Comedy im Gepäck

Von Jan Kurlemann

 

„Brüssel ist eine geile Stadt!“ rief der Kabarettist Florian Schroeder aus. Nie war er in Brüssel gewesenund nie dort aufgetreten, auch nicht im Kulturzentrum W:Halll. Hier stand er als Alleinunterhalter am 22. April 2016 auf der  Bühne. Zum öffentlichen Frühlingskabarett in deutscher Sprache hatte der Ortsverein Brüssel der SPD alle Kabarettfreunde eigeladen. Viele waren dem Ruf gefolgt, der Große Saal war gut besetzt. Erfreulich hoch war der Anteil jüngerer Kabarett- und Comedy-Anhänger.

Florian Schroeder sprach das Publikum an. Nach leichtem Zögern kam die erwünschte Antwort. Auf einer Norddeutschland-Tournee in der Vorwoche war es anders gewesen, wie der Kabarettist berichtete: Das Publikum zeigte kaum Reaktionen und brauchte viel mehr Zeit (als in Brüssel).


Optimierer oder Gelassene

Entscheiden muß man sich, so der Kabarettist:, „Ausgehen oder zu Hause bleiben, Mieten oder kaufen, Heiraten oder Trennen? Geschüttelt oder gerührt“ Das Motto: „Von der Zeugung bis zur Leiche, vergleiche, vergleiche, vergleiche! “ Und weiter „Wir googeln, bis der Arzt kommt.“

„Nur wer alle Optionen kennt, kann optimale Entscheidungen treffen“ Dies Mantra unserer Zeit hält Schroeder für einen Trugschluß. Vergleich ist für ihn die Vorhölle der Entscheidung. Optimierer und Gelassene gebe es immer. Die Gelassenen seien glücklicher.


Parodie und bargeldlose Zahlung

Schroeder parodiert gern und erzielt sofort ein starkes Echo. Ein Beispiel: Eine Parodie seines badischen Landsmanns Wolfgang Schäuble. Bis hin zum Schlußsatz „Das Kapital ist ein scheues Reh. Schon ist es über den Zaun gesprungen und in Panama“.

Oder ein authentisch klingender Uli Hoeneß:“ Ich habe nie gewußt, wieviel Geld auf meiner Zockerkarte war“.

Weg vom Bargeld soll es gehen? Der Kabarettist kann es nicht glauben. Geld wird heute „zur Religion“. Gibt man das Bargeld auf, bedanken sich BND und NSA schon jetzt für den bargeldlosen Einkauf. So springt der Künstler von Bonmot zu Bonmot. Er warnt vor „Entpolitisierung durch Schwachsinn“.

 

Die Lücke

Es heißt, wir brauchten 300 bis 500.000 Zuwanderer im Jahr. Vielleicht brauchen wir andere, bessere Flüchtlinge? fragt sich Schroeder. Man könnte auch selbst Kinder machen in Deutschland. Bis 2050 wäre der Mangel ausgeglichen. Aber dann die Gefahr bei mehr Kindern: Eltern mit Kindern nähmen den Kinderlosen den Wohnraum weg. Und man könne nicht einfach jedes Jahr eine Million mehr Kinder aufnehmen, selbst wenn sie in Deutschland geboren sind.

 

Mehr Deutsches

Schlimmes tut sich in Deutschland, 25% der Stimmen hat die AfD in Sachsen -Anhalt erhalten. Damir sei es „kein sicheres Drittland mehr“. Der Übergang von der Pointe zum Nonsens ist fließend. Nicht alle finden so leicht Lösungen für alles wie Horst Seehofer und Markus Söder. Merke: „Wenn Du glaubst, es geht nicht blöder, kommt von irgendwo ein Söder“. Auch andere bekommen ihr Fett – wie Sigmar Gabriel mit den deutschen Waffenexporten.

Das Unerwartete macht mehr Angst. Ressentiments – wie entstehen sie? „Nicht Angst, Neid ist ihre Grundlage“. Der Schwächere wird als Stärkerer empfunden. Noch zum Flüchtlingsthema: Deutschland werde unterschätzt: Es waren nach Worten des Künstlers 14.5 Millionen Gastarbeiter im Land. Ganze drei Millionen seien geblieben.. Auch 17.2 Mio DDR-Bürger waren zu integrieren.

 

Die Qual der Wahl

Optimierung kann vielerorts erfolgen, so im Restaurant. Der Gast sitzt vor eine riesigen Karte. Empfehlungen bekommte er keine, alternative Kombinationen passen nicht. Am Ende bleibt die Wahl: die Pizza! Wer kennt solche Situationen nicht? Das Publikum kräuselt sich im befreienden Lachen.

Es bleibt die Gefahr der falschen Entscheidungen und die Angst vor der Reue über sie, wie Schroeder ausführt. Und die Reue? Die vergeht schnell. Fragen wie die nach dem Kindeswohl beim Kita-Streik interessieren niemand .Doch ein Lokführerstreik garantiert nationale Aufregung.

Florian nimmt das Publikum mit. Viele Themen schneidet er an: Die Böhmermann-Affäre, die ideale Partnerschaft, die Rolle der Lehrer und der Eltern. Der Künstler nimmt das Brüsseler Publikum bei seinen Gedankensprüngen mit. Er erzielt Erstaunen, Verblüffung, manchmal auch betretene Stille. Und dann viel Beifall.

Am Ende ein Zwischenruf: „Schreiben Sie Ihre Texte selbst?“  „Ja“! Weil der Künstler noch nie in Brüssel war, will er noch ein bißchen in der Stadt  bleiben. Und wiederkommen möchte er auch. Auf Wiedersehen, Florian Schroeder!